Ist Armut weiblich?

Auch in unserer Region kämpfen Frauen gegen die Verarmung

Ist Armut weiblich? Die landesweite Aktionswoche der Liga der freien Wohlfahrtspflege vom 10. bis 15. Oktober beschäftigt sich in diesem Jahr thematisch mit der Armut von Frauen unter dem diesjährigen Motto: „Armut ist weiblich - Frauenarmut hat System“.
Die Gründe für weibliche Armut sind vielschichtig. In Deutschland führen niedrige Einkommen auch zu Bildungsnachteilen der Kindergeneration und damit zu zukünftig schlechten Prognosen für Vollbeschäftigung und Rentenkassen. Der Bundesverband der Finanzplaner (BFP) hat ermittelt, dass 75% der deutschen Frauen zwischen 30 und 59 Jahren, als Seniorinnen ihren Lebensunterhalt nur mit Hilfe der Fürsorge bestreiten werden können, denn niedrige Löhne bedeuten niedrige Renten. Besonders betroffen sind in diesem Kontext all jene Frauen, die sich überwiegend um Kinder und Haushalt kümmern, aber auch die Frauen, die wegen der Kinder in Teilzeit arbeiten. Der BFP hat ermittelt, dass die Durchschnittsrente der heute 30- bis 59-Jährigen vorausgerechnet 458 Euro im Monat betragen wird (bei Männern dagegen 948 Euro). Wird man als „Durchschnittsrentenehepaar“ zusammen alt, so kann man vermutlich leicht oberhalb der Armutsgrenze auskommen. Allerdings ist dies nur in knapp jeder zweiten Ehe der Fall. Bei einer Scheidungsrate in Deutschland, die schon 2008 bei 50,9% lag (Tendenz steigend) und gekoppelt mit dem neuen Scheidungsrecht erhöht sich die Chance für ein Leben in Armut für Frauen signifikant.
Auch in Bruchsal kämpfen geschiedene Frauen schon seit Jahren mit der Armut. Brigitte H. ist so ein Fall. Früher war sie Chefin zweier Metzgereien in Südbaden. Zwei Kinder gingen aus ihrer einst perfekten Ehe mit einem Metzgermeister hervor. „Uns ging es super, wir haben gut gelebt. Die Metzgereien waren mein Leben!“ berichtet die heute 55-Jährige. Doch ihr Mann wurde zunehmend gewalttätig. „Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich die Schläge nicht mehr aushielt, ich bekam Schlafstörungen und Depressionen,“ erinnert die einst glückliche Ehefrau. Sie verließ ihren Mann und zog die Kinder alleine groß. Sobald die beiden erwachsen waren stellte der Ex-Gatte sämtliche Unterhaltszahlungen ein. „Mein sozialer Absturz war perfekt – ich wurde zur Hartz IV-Empfängerin.“ Vor elf Jahren kam sie auf der Suche nach einem besseren Leben ins Julius Itzel Haus (JIH), der Caritas Facheinrichtung für Wohnungslose Menschen, wo sie zweieinhalb Jahre stationär lebte, ehe sie ins ambulant betreute Wohnen umziehen konnte.
Für Frauen wie Brigitte H. sind die Forderungen der Liga-Aktionswoche gedacht: existenzsicherndes Einkommen und gesetzliche Mindestlöhne, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, armutsfreie Mindestrenten, ein frauenfreundlicher sozialer Wohnungsbau, bedarfsgerechte Betreuungsangebote für Kinder, anrechnungsfreies Kinder- und Elterngeld für ALG II-Bezieher (vor allem beim Landeserziehungsgeld), Abschaffung des Ehegattensplitting, ein kostenfreies Gesundheitssystem sowie die Verbesserung von Ausbildungs-, Qualifikations- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen. „All diese Forderungen sind zweifelsfrei berechtigt und ihre Umsetzung ist dringend notwendig,“ weiß Miriam Schührer, Einrichtungsleiterin des JIH. „Aber es gibt sie sinngemäß seit Beginn der Frauenbewegungvor vierzig Jahren. Die Realität sieht drastisch anders aus.“
Deutschland sei von einem gesetzlichen Mindestlohn weit entfernt und auch die Reallöhne fallen. „Laut RP-online sind die Nettoverdienste in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren,“ weiß Marion Krause von der Ambulanten Fachberatung im JIH. „Auch die Aufweichung des Kündigungsschutzes, die Zunahme von Zeitverträgen und Auslagerung von Arbeitsplätzen führen zu permanentem Lohnverfall und Niedriglöhnen. Diese Arbeitsmarktbedingungen bedingen, dass die Armut in Deutschland wächst.“
Von den derzeit 57 Klientinnen des JIH und seiner Fachberatung haben viele ähnliche Werdegänge wie Brigitte H. „Derzeit stellen die Frauen 26 Prozent unseres Klientels dar,“ so Miriam Schührer. „Der Frauenanteil wächst ständig.“ Viele Frauen versuchen zudem alleine über die Runden zu kommen oder leben in Armut vor sich hin. Ab der Aktionswoche sammelt das Julius Itzel Haus die Lebensgeschichten von Frauen in Armut, um auf die Sorgen und Nöte jener Frauen aufmerksam machen zu können, die inzwischen die Armut in Deutschland personifizieren.

 

Triste Aussichten für Frauen in Armut – wie diese Bewohnerin des Julius Itzel Hauses: Die Frauenarmut in Deutschland steigt weiterhin an.

2011-10-13 Liga Aktionstag (cvr)