Auch Bruchsal bekommt jetzt eine Straßenzeitung

„Hätten wir dich nur bei der Geburt ersäuft, dann hätten wir die ganzen Probleme nicht!“ So einen Satz sollte kein Kind von seinen Eltern zu hören bekommen, doch „S“ hat genau dies erlebt. Das und vieles mehr hat das Leben des Wohnungslosen nachhaltig verändert. Doch jetzt schreibt er darüber – unverblümt und schonungslos, so ehrlich wie das Leben. Der erste Teil seine bewegenden Geschichte wird ab dem Wochenende für jeden zu lesen sein.


Als Medium dient „S“ dazu Bruchsals neueste Straßenzeitung: Der Rote Hahn, der ab Samstag, 3. Juli, von wohnungslosen Menschen in Bruchsal verkauft wird. Entstanden ist die kleine Zeitung nach einer nur dreimonatigen Vorlaufzeit in einem Projekt mit Studenten der HS Mannheim, Betroffenen und  ehemaligen Bewohnern des Julius-Itzel-Hauses, der Bruchsaler Caritas Facheinrichtung für Wohnungslose Menschen.


Die Redaktion, darunter die drei Studenten Thomas Bozic, Denise Dreher und Sven Fuchs, trifft sich regelmäßig im Julius-Itzel-Haus, welches das Projekt tatkräftig unterstützt, und übernimmt alle Arbeiten, die bei der Herstellung einer Zeitung anfallen, selbst.


Darunter fallen nicht nur das Schreiben von Artikeln, das Entwickeln eines Layouts, das Kopieren sondern auch die Organisation des Vertriebs. „Dadurch wird versucht die anfallenden Kosten möglichst gering zu halten und unabhängig zu sein,“ so Thomas Bozic, der aus Philippsburg stammt. Die Studenten der Sozialen Abeit an der HS Mannheim (Sozialwesen) leisten im Rahmen ihres praxisorientierten Studienfaches verschiedene Projektarbeiten. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Studienganges "Soziale Arbeit". Da die Mitarbeit der Mannheimer Studenten auf ein Jahr angelegt ist, ist es eines der Ziele, die anderen "Macher" zu befähigen, im Anschluß die Zeitung alleine fortzuführen.


Das Konzept einer Straßenzeitung ist zwar nicht neu, doch in Bruchsal eine Premiere. Schon der Vertrieb der Zeitung ist eine ihrer Besonderheiten. Es gibt sie nicht am Kiosk zu kaufen, sondern ausschließlich auf der Straße. „Weiterhin stellen die Verkäufer eine Besonderheit dar, erklärt Denise Dreher aus Stutensee-Spöck, die den Kontakt zu den Bewohnern des Julius-Itzel-Hauses herstellte, wo sie ihr Praxissemester absolvierte. „Die Verkäufer werden vom Verkaufserlös die Hälfte erhalten. Im Gegensatz zu handelsüblichen Zeitungen geht es hierbei nicht um Profit, sondern um betroffenen Menschen die Chance zu geben, über ihr Leben zu berichten, das eher am Rande der Gesellschaft passiert.“ Neben Wohnunglosigkeit und Leben auf der Straße sind auch gesellschaftliche und politische Themen wie Armut, Arbeitslosigkeit, Teilhabe und Empowerment wichtig. Auch beinhaltet die Zeitung einen kleinen sozialen Wegweiser, viele Berichte von Betroffenen sowie ein „Straßenlexikon“, das Begriffe wie „Bodenseekocher“ und „Penntüte“ erklärt.


In Deutschland gibt es, laut dem aus Ettlingen stammenden Mitredakteur Sven Fuchs, derzeit circa 30 Straßenzeitungen, die teilweise beachtliche Auflagen erzielen (z.B. „Hinz & Kuntz“ aus Hamburg mit 57.000 Exemplare). Weltweit gibt es 150 solcher Zeitungen, sie sind u.a. im International Network of Street Newspapers (INSP) zusammengeschlossen.


Die erste, 28-Seiten-starke Ausgabe des „Roten Hahnes“, die mit einer vorsichtigen optimistischen Auflage von nur 100 Stück aufgelegt wurde, wird am Samstag, 3. Juli, zwischen 10 und 12 Uhr auf dem Marktplatz in Bruchsal zu einem Preis von 1,50 Euro verkauft. Davon darf der Verkäufer die Hälfte selbst behalten und sich somit ein paar Euro dazuverdienen. Darauf freut sich die über 50-jährige Regina auch. Das langzeitsarbeitslose Redaktionsmitglied liefert zum Beispiel den Beitrag zur Namensgebung der Zeitung in der ersten Ausgabe. Auch wird sie als Verkäuferin fungieren. „Da habe ich endlich wieder etwas zu tun,“ so die Wusnchschriftstellerin, die an einem eigenen Fantasyroman arbeitet und in einem Wohnwagen mit ihren Hunden lebt.


Für Fragen zu der Zeitung oder dem Vertrieb steht die Redaktion des „Roten Hahnes“ unter der E-Mail-Adresse strassenzeitung-bruchsal@gmx.de zur Verfügung.


Auch Falten und Heften gehört zu den Aufgaben der unabhängigen Redaktion und den Helfern von Bruchsals neuer Straßenzeitung, dem „Roten Hahn“. Die Studenten der Hochschule Mannheim Denise Dreher (links), Sven Fuchs (2. von rechts) und Thomas Bozic (rechts) arbeiten Hand in Hand mit wohnungslosen Menschen bei der Eigenerstellung der neuen Straßenzeitung. Foto: Caritas